#Schreibtipps: In der Kürze liegt die Würze

Texte kürzen

Wir Autoren sind eine sehr eitle Spezies Mensch. Wir hängen an den Worten, die wir mit Bedacht geschrieben haben und sind oft der Meinung, dass jedes einzelne davon ein Geschenk Gottes (oder so etwas Ähnliches) ist. Bei all der Liebe zu unserem Geschriebenen verlieren wir nicht selten den objektiven Blick und merken gar nicht, wie wir seitenweise nichts schreiben.

Okay, „nichts“ ist vielleicht etwas übertrieben, denn längst nicht jedes Wort ist tatsächlich überflüssig. Fakt ist jedoch, dass viele Menschen, die schreiben – seien es nun Autoren, Blogger, Redakteure oder Texter – dazu neigen, auszuschweifen. Das Problem daran: Wie oben bereits beschrieben lieben wir unsere geschriebenen Worte und tun uns bisweilen schwer damit, sie zu kürzen – sprich: zu eliminieren.

Von der Kunst, den Rotstift anzusetzen

Ich gebe zu: Ich komme recht selten in die Situation, dass ich unbedingt kürzen muss. Das heißt aber nicht, dass es nicht ab und an ratsam ist, den Rotstift anzusetzen.

Kürzen will gelernt sein. Das weiß auch Roy Peter Clark, der mir mit Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben eine wahre Autoren-Bibel geliefert hat. Im 10. Kapitel des Buches („Streichen: Nur keine Hemmungen“) geht Clark auf das hier angesprochene Thema ein und gibt eine Reihe von Tipps, die ich außerordentlich wertvoll finde. Sie regelmäßig in meiner Arbeit zu berücksichtigen, ist eines der Ziele, die meine Schreibe (noch?) besser werden lassen sollen.

Kürzen nach Roy Peter Clark

Was mir Roy Peter Clark über das Kürzen meiner Texte gelehrt hat, kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Betrachte deinen Text nach dem Schreiben mit ausreichend Distanz und „Kühle“, lasse ihn dazu eine Weile „reifen“
  • Sei „skrupellos“ und streiche ohne emotionalen Bezug zu deinem Text
  • Kürze großzügig – also bestenfalls ganze Sätze oder gar Absätze (!)
  • Arbeite dich dabei immer tiefer in den Text hinein, bis du einzelne Wörter streichst oder die Passage knackiger formulierst

Wie du siehst, handelt es sich beim Kürzen beziehungsweise Streichen um ein knallhartes Geschäft, bei dem dein Text buchstäblich Federn lässt. Auch wenn dieser Prozess meist extrem wehtut, ist er aber dennoch notwendig.

Warum ist das Kürzen so wichtig?

Die Aufmerksamkeit des durchschnittlichen digitalen Nomaden ist kürzer als die eines Goldfisches (und die ist schon verdammt knapp bemessen!). Für uns Autoren und Blogger bedeutet das, dass unser Content auf den Punkt formuliert sein muss, um einen potentiellen Leser in seinen Bann zu ziehen. Oder anders formuliert: Wir haben einfach keine Zeit für endloses Geschwafel, das klaut uns die Konsumenten.

Ein weiterer Grund, der für die Wichtigkeit des Streichens spricht, ist die Einfachheit des Textes. Ich selbst neige dazu, mich in endlos verschachtelten Sätzen zu verlieren, mit denen ich mein Schreib-Können unter Beweis stellen will. Leider kann ich damit nur wenige Menschen begeistern. Die meisten steigen wahrscheinlich schon nach kurzer Zeit aus, weil ihnen der Text einfach zu kompliziert ist. Hier gilt die ebenso einfache wie geniale Regel: Keep it short and simple. Schachtelsätze sind out – nicht nur im Internet, sondern auch in der Zeitung. Niemand (auch ich nicht) will eine Passage zweimal lesen, weil er sie beim ersten Mal nicht verstanden hat. Ich persönlich fühle mich in einem solchen Moment leicht blöd und nehme das dem Autoren des Textes schnell übel. (Ist es nicht seine Aufgabe gewesen, mir ein Thema verständlich und klar zu erklären?)

Fassen wir also (gekürzt) zusammen: Das Nachbearbeiten des Textes zugunsten seiner würzigen Kürze ist aus zwei Gründen besonders wichtig:

  • Die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers ist kurz
  • Länge bedeutet immer Komplexität – und die finden Leser doof

Mein Tipp an Blogger: Seid sparsam mit euren Gedanken-Einschüben

Ging es bisher vorrangig um das professionelle Schreiben von Texten, möchte ich nun noch einen konkreten Tipp an meine Blogger-Kollegen richten.

Ich weiß, dass jeder Blogger mit Leidenschaft schreibt. Einer der Gründe hierfür ist, dass wir uns kreativ auslassen und unseren ganz eigenen Stil finden können, der von keinem Chef oder Auftraggeber bemängelt wird. Oft stolpere ich über Blogs, die von ihren Betreibern mit (ich nenne es mal) Gedanken-Einschüben dekoriert werden. Der Sinn dieser Einschübe ist mir durchaus klar. Sie lockern den Text auf und verleihen ihm eine Seele – nämlich die des Bloggers.

Dennoch stehe ich solchen Gestaltungselementen eher skeptisch gegenüber. Denn: Gedanken-Einschübe – egal in welcher Form – blähen einen Text unendlich auf und führen die eigentlich klaren Gedanken-Gänge häufig in eine Sackgasse. Für mich als Leser ist es dann extrem schwierig, dem Text zu folgen – einfach, weil ihm die Stringenz fehlt.

Mein #Schreibtipp an alle Blogger lautet daher: Verleiht euren Texten mehr Stimmigkeit, indem ihr auf sprunghafte Einschübe verzichtet.

Kürzen bis es wehtut

Wie du bemerkt hast, habe ich den „Rotstift“ in diesem Text gut sichtbar angesetzt. Ich wollte dir damit zeigen, wie meine Arbeiten vor und nach dem Kürzen aussehen und was es mit einem Text macht, wenn Wörter, Sätze und Passagen gestrichen werden. Sicherlicht bin ich im jetzigen Fall noch sehr „human“ vorgegangen. Es gibt noch etliche Passagen, die ebenfalls der Kürzung zum Opfer hätten fallen können.

Ich habe für mich selbst festgestellt, dass ein Text dann die optimale Länge hat, wenn das Streichen anfängt, „wehzutun“. Ich bin mir sicher, dass andere Blogger und Berufsschreiber wissen, was ich damit meine. Kürzen ist selten leicht. Es macht auch nur im Ausnahmefall Spaß. Dennoch ist es notwendig. Deine Leser werden es dir nämlich danken.

 

Foto: © www.pixabay.com

 

 

8 Responses to “#Schreibtipps: In der Kürze liegt die Würze

  • Hallo Jessika,
    Kürzen/Redigieren gehört zu meinem täglich Brot; wenn ich das bei meinen Texten machen muss, fällt es manchmal schwerer. Schließlich dachte ich mir etwas beim Verfassen der Zeilen. Ich versuche, manche Substantive durch Verben zu ersetzen (wo es geht), streiche ein paar Wörter, stelle ein schmückendes, erklärendes Adjektiv dazu. Schwierig ist teilweise auch, genaue Zeichensatz zu treffen.
    Liebe Grüße, Nathalie

    • Hey Nathalie, also ist es deine Arbeit, die Texte anderer zu kürzen? Das stelle ich mir auch sehr viel einfacher vor :) Da hat man einfach diese kühle Distanz und kann viel objektiver arbeiten.
      Wenn nur noch Wörter übrig sind, bei denen man sich „etwas gedacht“ hat, ist glaube auch die Kürz-Grenze erreicht. Wenn danach immer noch etwas weg muss, wird es wirklich bitter.

      Grüße zurück :)
      Jessika

  • Hallo Jessika,

    beim Texten halte ich mich an eine Regel, deren Urheber ich leider vergessen habe.

    Nach meinem Erstentwurf streiche ich „ein Drittel“ des Textes! Als ich diese Regel erstmalig las, kam sie mir vor „wie ins Fleisch schneiden“.
    Über meine mittlerweile langjährige Schreibtätigkeit kann ich bestätigen: vom ersten Entwurf bis zum finalen Werk gewinnt der Text, indem er ein Drittel loslassen muss ;-).

    Besten Gruß aus Limburg
    Manuela Seubert

    • Hallo Manuela,

      ein Drittel klingt echt hart, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass das funktioniert. Als Autor muss man wirklich lernen, loszulassen :)

      Liebe Grüße nach Limburg aus Erfurt,
      Jessika

  • Ich bin ja schwer entzückt von der Idee, in deinem Artikel die gestrichenen Wörter zu zeigen! Sehr nice! Das Buch klingt nach einem Anwärter für meine Amazon-Wunschliste, Danke für den Tip! Ich versuche oft zu küren, trotzdem bemängelt mein SEO Tool so gut wie jedesmal, dass mein Text „länger ist, als die empfohlene Textmenge“ 😀

    • Hey Kea,

      Ich war natürlich nicht die erste, die auf die Idee mit dem Wegstreichen gekommen ist. Tatsächlich hat der Autor vom vorgestellten Buch dieses Kapitel auf die gleiche Weise gestaltet. Der Lerneffekt gefiel mir so gut, dass ich es direkt mal abgekupfert habe :)

      Das Buch kann ich wirklich nur jedem ans Herz legen. Es ist super geschrieben und total interessant. Macht immer wieder Spaß, darin zu schmökern.

      Liebe Grüße,
      Jessika

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